Ein Monat der Besinnung, Offenbarung und Gemeinschaft
Für rund 1,9 Milliarden Muslime weltweit ist der Ramadan eine Zeit des Fastens, der Spiritualität und des sozialen Miteinanders. Seine Bedeutung reicht weit über den Verzicht auf Essen und Trinken hinaus und ist eng mit dem Ursprung des Islam verbunden.
Wenn weltweit Millionen Menschen vor Morgendämmerung aufstehen, um gemeinsam zu essen, beginnt für Muslime eine besondere Zeit: der Monat Ramadan. Er ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders und gilt als eine der wichtigsten religiösen Phasen im Islam. Für Gläubige steht er für spirituelle Erneuerung, Selbstdisziplin und Gemeinschaft. Gleichzeitig erinnert der Ramadan an ein zentrales Ereignis der islamischen Geschichte – die erste Offenbarung des Korans.
Die erste Offenbarung als Ursprung
Nach islamischer Überlieferung zog sich der Prophet Muhammad - »Friede sei mit ihm« - um das Jahr 610 n. Chr. in die Höhle Hira nahe Mekka zurück, um zu beten, Abstand vom Alltag zu gewinnen und sich auf die spirituelle Bedeutung seines Glaubens zu besinnen. Dort empfing er die ersten Verse des Korans, die den Beginn der islamischen Botschaft für den Propheten Muhammad - »Friede sei mit ihm« - markieren:
»Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat – der den Menschen aus einem Anhängsel erschaffen hat. Lies! Und dein Herr ist der Allgütige, der den Menschen durch die Feder lehrte, ihn lehrte, was er nicht wusste.« 1
Nach diesem überwältigenden Erlebnis suchte Muhammad - »Friede sei mit ihm« - Trost bei seiner Frau Khadidscha, die ihn beruhigte und bestärkte. Ein Gelehrter aus ihrem Umfeld bestätigte die Begegnung als göttliche Offenbarung. Diese Nacht wird im Koran als besonders segensreich beschrieben und gilt als Höhepunkt. Sie wird »Laylat al-Qadr« genannt.
Fasten als wichtiger Bestandteil der religiösen Praxis
Das Fasten im Ramadan gehört zu den fünf Säulen des Islam und ist ein zentraler Bestandteil des religiösen Lebens. Erwachsene Muslime verzichten von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Essen und Trinken. Darüber hinaus bemühen sich Gläubige, negative Gedanken und Handlungen zu vermeiden und ihr Verhalten bewusst zu reflektieren. Ziel ist es, Selbstdisziplin zu stärken und Mitgefühl für Menschen zu entwickeln, die unter schwierigen Lebensbedingungen leben.
Vom Fasten ausgenommen sind unter anderem Kranke, Reisende, Schwangere, Stillende und Kinder bis zur Mündigkeit. Versäumte Fastentage können später nachgeholt oder durch wohltätige Unterstützung Bedürftiger ausgeglichen werden.
Ein typischer Ramadan-Tag beginnt vor Sonnenaufgang mit der Mahlzeit Sahur. Nach Sonnenuntergang wird das Fasten traditionell mit Datteln und Wasser gebrochen dieses Abendessen wird Iftar genannt. Häufig kommen Familien und Freunde zusammen, um gemeinsam zu essen. In vielen Städten entstehen während des Ramadans abendliche Märkte und Veranstaltungen, die das Gemeinschaftsgefühl stärken.
Auch gibt es einen Hadith darüber:
Der Prophet Muhammad - »Friede sei mit ihm« - sagte: »Wer im Monat Ramadan aus Glauben und in der Hoffnung auf Allahs Lohn fastet, dem werden seine vergangenen Sünden vergeben.« 2
Gebet, Koran und Wohltätigkeit
Neben dem Fasten spielt das Gebet eine zentrale Rolle. Viele Muslime besuchen abends zusätzliche Gemeinschaftsgebete in der Moschee, die sogenannten Tarawih-Gebete. Zugleich widmen sich Gläubige verstärkt dem Lesen und Studieren des Korans. Der Ramadan gilt als eine Zeit, in der religiöses Wissen vertieft und die persönliche Beziehung zum Glauben gestärkt wird.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Wohltätigkeit. Spenden und soziale Hilfsaktionen nehmen im Ramadan deutlich zu. Viele Menschen engagieren sich freiwillig oder unterstützen Hilfsorganisationen, um Bedürftigen zu helfen. Diese Praxis unterstreicht die soziale Verantwortung und Solidarität innerhalb der Gemeinschaft.
Auch für Muslime in Österreich ist der Ramadan von großer Bedeutung. Trotz schulischer oder beruflicher Verpflichtungen erleben viele den Monat als besondere Zeit des Zusammenhalts. Gemeinsame Iftar- Abende und interkulturelle Begegnungen fördern den Austausch zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften.
Das Fest des Fastenbrechens
Der Ramadan endet mit dem dreitägigen Fest des Fastenbrechens, dem Eid al-Fitr. Es wird mit gemeinsamen Gebeten, festlichen Mahlzeiten und Besuchen bei Verwandten und Freunden gefeiert. Familien tragen oft festliche Kleidung, Kinder erhalten Geschenke oder Süßigkeiten. Das Fest symbolisiert Dankbarkeit und Freude nach einem Monat des Verzichts und der Besinnung.
Eine Zeit der Reflexion
Der Ramadan ist weit mehr als eine Periode des körperlichen Fastens. Er verbindet religiöse Praxis mit sozialer Verantwortung und stärkt den Zusammenhalt innerhalb von Familien und Gemeinschaften. Gleichzeitig gewinnt er auch in pluralistischen Gesellschaften mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen zunehmend an Sichtbarkeit und fördert den interkulturellen Dialog.
1 Koran 96:1–5 nach Muhammad Asad
2 Überliefert von al- Buchari und Muslim
Bild: © AdobeStock_1862976422
Text: Türkan Pek, Pädagogin für Religion: Islam an der VS Melk