Folgen Sie uns!

»Zwischen Koffer, Rucksack und Vertrauen«

Sie sind hier:

Der Sommer steht vor der Tür und in vielen Häusern und Wohnungen beginnt dieselbe kleine Zeremonie: Koffer werden vom Schrank heruntergeholt, Taschen geöffnet und Rucksäcke abgestaubt. Plötzlich stehen sie wieder da, bereit für Ausflüge, Urlaubstage oder kleine Abenteuer zwischendurch. Dabei erzählt uns jedes Gepäckstück auch etwas über die Besitzer.

Da gibt es den großen Rollkoffer. Sorgfältig gepackt, mit Platz für alles Mögliche: Kleidung für jedes Wetter, Schuhe für alle Gelegenheiten und vielleicht noch Dinge, die man wahrscheinlich gar nicht brauchen wird, aber sicher ist sicher. Andere greifen lieber zur kleinen Reisetasche. Schnell gepackt, unkompliziert und leicht genug, um spontan aufzubrechen. Und dann gibt es noch den Rucksack. Er liegt eng am Rücken, man trägt ihn selbst auf jedem Schritt des Weges und spürt sehr schnell, was zu viel geworden ist.

Besonders bei einer mehrwöchigen Pilgerreise habe ich das erlebt. Alles, was ich mitnehmen wollte, musste in diesen einen Rucksack passen. Jede Kleinigkeit wurde überlegt: Brauche ich das wirklich? Wird es mir unterwegs helfen? Oder schleppe ich es nur für alle Fälle mit? Mit jedem zusätzlichen Gegenstand wurde das Gepäck schwerer. Und irgendwann merkt man: Nicht alles, was man gerne dabei hätte, ist auch wirklich notwendig.

Eigentlich ist das im Leben oft ganz ähnlich. Auch dort tragen wir unterschiedliche »Gepäckstücke« mit uns herum. Manche Menschen schleppen einen schweren Koffer voller Sorgen mit sich. Andere bewahren alte Erinnerungen in Taschen auf, die sie kaum noch öffnen möchten. Wieder andere haben einen unsichtbaren Rucksack voller Erwartungen auf den Schultern. Erwartungen anderer Menschen, aber auch die eigenen Ansprüche an sich selbst. Und manchmal finden wir darin Dinge wieder, von denen wir längst glaubten, sie hinter uns gelassen zu haben: alte Kränkungen, Enttäuschungen oder Ängste. Sie nehmen Platz ein und machen das Leben schwerer, als es sein müsste.

Gerade der Sommer kann eine Einladung sein, genauer hinzuschauen. Was möchte ich wirklich mitnehmen auf meinen Weg? Was tut mir gut? Und was darf vielleicht zuhause bleiben? Nicht jede Sorge muss ständig mitreisen. Nicht jede Verletzung verdient einen festen Platz in unserem Herzen. Manche Last wird leichter, wenn wir den Mut haben, sie endlich loszulassen.

In der Vorbereitung auf diese Ausgabe des KOLOMAN sind wir auf eine Kampagne eines Bestattungsunternehmens gestoßen. Dort wurde die Frage gestellt: »Was würdest du auf deine letzte Reise mitnehmen?«
Natürlich kennt man den Satz: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Und doch regt diese Frage zu einem wertvollen Gedankenspiel an. Denn es zeigt, was im Leben wirklich zählt. Nicht Besitz oder Perfektion bleiben am Ende wichtig, sondern Beziehungen, gemeinsame Erinnerungen, Liebe, Vertrauen und die Erfahrung, getragen und begleitet zu sein. Vielleicht tut es gut, in diesem Sommer die Koffer, Taschen und Rucksäcke nicht zu voll zu packen, damit noch Platz bleibt für Leichtigkeit, Freude, Vertrauen und viele neue Begegnungen.

Text: Karin Funiak 
Bild: © AdobeStock_602741639