Folgen Sie uns!

»Bilder von Jesus«

Sie sind hier:

Gehen wir heute in eine Kirche, dann finden wir häufig verschiedene Darstellungen von Jesus. Aufbau, Ausdruck und Symbolik variieren oft stark. Das kann von der Absicht der Künstler*innen abhängen, vom Kunstverständnis der Epoche, aber auch vom jeweils üblichen Jesus-Glauben. Es lohnt sich, einen Blick auf diese Bilder zu werfen. Die Wandlungen, die sie über die Zeit hinweg gemacht haben, sind nämlich verblüffend und bereichern unsere heutigen Zugänge zu Jesus Christus.

Am Beginn der Kirche zögerten die Christ*innen mit Darstellungen Gottes und Jesu. Dahinter stand zum einen das jüdische Bilderverbot, zum anderen wollte man sich von den Heiden (Griechen & Römern) abgrenzen, die ihren Göttern und Herrschern mittels Statuen oder Bildern religiöse Verehrung zukommen ließen.

So begegnen uns als frühe Darstellungen Codes bzw. Chiffren, die symbolisch für Jesus stehen. Das Christusmonogramm aus den griechischen Buchstaben X (Chi) und P (Rho) gehört zu den ältesten Formen. Wie auch beim Bild des Fisches (griech.: Ichthys) stehen die einzelnen Buchstaben für den Namen Jesus, aber auch für die Hoheitstitel Christus, Sohn Gottes und Erlöser. Gerade in Zeiten der Verfolgung sind diese Abkürzungen ein wichtiges Erkennungszeichen für Glaubende. Das Kürzel IHS erfüllt damals die gleiche Aufgabe. Bis heute kennen wir diese Chiffren von liturgischen Gewändern, Ornamenten und vielem mehr. Das Kreuz als Christus-Symbol brauchte etwas, um sich durchzusetzen, da die Kreuzigung als schändliche Strafe galt. Es verwundert also nicht, dass die erste Version eine römische Spottdarstellung eines Gekreuzigten mit Eselskopf zeigt. Neben diesen symbolischen Formen etabliert sich im Altertum das Bild des Hirten für Jesus, der in der Gemeinschaft mit Menschen oder Lämmern gezeigt wird.

Das frühe Mittelalter legt dann einen ganz neuen Fokus. Basierend auf der Vorstellung des Kaisers als Repräsentant Gottes entwickelt sich das Christkönigbild. Jesus wird als der souveräne König gezeigt. Als Weltenherrscher (Pantokrator) wacht er vom Himmelsthron über die Erde, die symbolischen Farben und die Insignien der Macht (Thron, Weltkugel, etc.) ähneln den Darstellungen der weltlichen Könige. Die rechte Hand ist zum typischen Segensgestus geformt, in der linken ruht das Buch des Lebens. Heute vielleicht irritierend wirkt die Fortführung dieser souveränen Vorstellung auf manchen romanischen Kreuzen, wo wir Jesus von aller Marter völlig unberührt, fast schon gleichgültig, sehen.

Mit der Gotik wandelt sich das Christusbild dramatisch. Nicht mehr der über allen Dingen waltende König steht im Zentrum, sondern der leidende Mensch in seinem Schmerz. Höhepunkt dieser Entwicklung ist der berühmte Isenheimer Altar (1512-1516) des Matthias Grünewald. Wir sehen am Kreuz einen geschundenen Jesus, ausgemergelt und schmerzverzerrt. Nichts ist von der göttlichen Souveränität übrig, vielmehr erinnert dieser Gekreuzigte an die unzähligen Pesttoten der Zeit. In ihm können die Gequälten der Epoche Zuflucht finden.

Die Betonung des Menschlichen erfährt in der Renaissance ihre Fortführung, bei den großen Künstlern wird das Christusbild aber geradezu zum Fest des Menschen, wie zwei bekannte Beispiele zeigen. Michelangelos Jüngstes Gericht in der Sixtinischen
Kapelle zeigt einen unwahrscheinlich dynamischen, kraftvollen und jugendlichen Jesus, Albrecht Dürers berühmtes Selbstbildnis im Pelzrock zeugt vom neuen Selbstbewusstsein des Renaissance-Menschen und seiner schöpferischen Kraft, wenn sich Maler und Menschensohn im Porträt vereinen. Vielleicht nie wieder finden wir die göttliche und menschliche Dimension in einem Kunstwerk so verwoben wie in diesem Gemälde.

Ganz im Zeichen der Gegenreformation steht die christliche Kunst des Barock. Bilder, Altäre und andere Werke dienen vermehrt der religiösen Lehre und der prunkvollen Darstellung religiöser Macht. Ganz im Stil der Zeit malen Rubens und Caravaggio Bibelszenen voll Dramatik und Dynamik. Erwähnt sei hier aber vielmehr Rembrandts Christuskopf, der nach einem jüdischen Modell einen nachdenklich besonnenen Sohn Gottes zeigt. Diese positive und freundliche Auseinandersetzung mit dem jüdischen Jesus stellt nicht nur bei Rembrandt einen Wendepunkt in der Beziehung zum Judentum dar.

Mit dem Konflikt von Religion und Philosophie seit der Aufklärung am Ende des 18. Jahrhunderts zerbrechen alte religiöse Selbstverständlichkeiten, da Jesus als vollendeter Mensch und seine Göttlichkeit grundsätzlich in Frage gestellt werden. Die Kunst greift auf alte, teilweise emotions- und aussagearme Formen zurück.

Eine völlig neue Sprache, die Konventionen sprengt, findet sich am Beginn der Moderne mit dem Expressionismus. Die Künstler*innen stellen Jesus inmitten des Weltgeschehens dar, wie etwa in den Weltkriegen mit all ihren Gräueln und Schrecken. Neue Formen, Farben, Symbole und Materialien werden genutzt. Im 20. Jhdt. setzen sich religiöse wie agnostische Künstler*innen – denken wir z.B. an Hermann Nitsch und Arnulf Rainer – mit Jesus auseinander und wir finden Traditionelles, Provokatives, Politisches und Kritisches genauso wie Verzweiflung, Hoffnung und Zuversicht. Die Vielfalt der Jesus-Bilder ist nun grenzenlos. Diese modernen Werke ermöglichen aber einen anderen Blick abseits gewohnter und tradierter Vorstellungen und regen zum Nachdenken an. Ein schönes Beispiel findet sich aktuell im Linzer Museum Lentos: »Baby Jesus 2« von Lucy Glendinning zeigt ein kleines Mädchen als Gekreuzigte.

Provokant und ungewöhnlich? Vielleicht.
Spannend und bereichernd? Ganz sicher
… wie alle Bilder von Jesus.

Bild: © pixabay.com
Text: Raimund Stadlmann