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»Wie gut kennst Du ihn eigentlich?«

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Stellt man mir diese Frage, dann antworte ich zumeist mit einer Gegenfrage: »Was heißt schon kennen?«. Gut kennen, das trifft nämlich nur auf jene Menschen zu, mit denen wir Zeit verbracht haben, die wir öfter treffen und mit denen wir unterschiedliche Erfahrungen, fröhliche und schwierige Stunden teilen. Nur durch wiederkehrende Begegnungen kann Kennenlernen gelingen. Dabei entdecken wir auch mal neue Seiten am Gegenüber, die irritierend wie bereichernd sein können. Das Schöne ist, dieser Weg des Kennenlernens hat kein Ende, solange wir zur Begegnung bereit sind.

Diesen Weg können wir auch mit Jesus Christus gehen. Das Kirchenjahr mit seinen Festtagen ermöglicht uns, bestimmte Zeiten mit ihm zu verbringen. Sie bieten uns Gelegenheit, sich seiner Worte und Taten zu erinnern. Sie geben unserem Glauben durch Rituale und Symbole eine Sprache für das mit dem Verstand schwer Fassbare. So machen diese Tage das Christusereignis erfahrbar, weil wir an bestimmten Momenten im Leben Jesu Anteil haben können.

Der Start des neuen Kirchenjahres ist mit dem Advent gesetzt. In ihm bereiten wir uns auf das Besondere vor. Zu Weihnachten teilt sich Gott auf eine ganz besondere Weise mit. Der wahre Gott wird in Jesus Christus wahrer Mensch und so für alle konkret erfahrbar. Nicht jenseitig und unnahbar begegnet er von oben herab wie die antiken Götter. Nein, dieser Gott beginnt auf Augenhöhe, verletzlich und wehrlos als kleiner Säugling. Weihnachten hatte für die Menschen wohl von Anfang an etwas Geheimnisvolles, vielleicht haben sich deswegen so viele Symbole, Rituale und sinnliche Bräuche im Lauf der Zeit entwickelt. Das Licht, das die Dunkelheit vertreibt und Wärme in der kalten Jahreszeit gibt. Die einfache Krippe und die bewusst schlicht gehaltene Mette. Die Geschenke, die wir uns in der »Stillen Nacht« machen und vieles mehr. Es ist, als ob Gott sagen wollte: Lass uns klein anfangen. Kein triumphaler Gott begegnet uns hier, für den alles selbstverständlich ist. Dieser Jesus ist klein und braucht Schutz vor Bedrohungen wie Herodes. Wer sich auf ihn einlässt und sorgsam mit ihm geht, ihm das Wachsen ermöglicht, kann wie die drei Weisen aus dem Osten eine große Hoffnung für die ganze Menschheit in ihm erkennen. In Jesus, dem menschgewordenen Gott, erscheint allen Menschen Rettung und Heil: 6. Jänner, Epiphanie (Erscheinung des Herrn).

Gehen wir weiter, dann kommt die wichtigste Zeit bereits im Frühjahr. Ostern, das Fest von Jesu Tod und Auferstehung. Die Karwoche ermöglicht auf unfassbar dichte Art, Jesus nahezukommen. Am Palmsonntag begegnet uns zunächst der viel Bejubelte, der Liebling der Massen. Dieser Jesus steht dann für die vielen Erwartungen und Hoffnungen der Menschen. Ist er derjenige, der einen politischen Neuanfang bringt? Steht er für eine religiöse Reform? Oder heilt er alle Kranken? Jesus ist am Palmsonntag aber auch der Unbequeme, der Provokateur. Mit seiner Predigt und der Tempelreinigung übt er Kritik an der Oberflächlichkeit des Glaubens. An diesem Feiertag drängt sich eine Frage auf: Was, wenn mir Jesu Botschaft nicht recht ist? Hab auch ich dann genug von ihm und meine Zustimmung wandelt sich in Ablehnung?

Am Gründonnerstag finden wir Jesus beim Letzten Abendmahl mit seinen Jüngern. In der symbolträchtigen Fußwaschung, dem Teilen von Brot und Wein zeigt sich vielleicht am eindrücklichsten, wer Jesus für uns sein will. Hier kommt seine sich selbst entäußernde Liebe zum Ausdruck. Es ist ein Gott, der für die Menschen da sein will, dessen Liebe wie Brot und Wein nährt. Wenn er sagt: »Tut dies zu meinem Gedächtnis!«, dann traut er uns zu, es ihm gleichzutun.

Die dunkelsten Stunden teilen wir mit Jesus am Karfreitag. An keinem anderen Tag ist er so auf sein Menschsein zurückgeworfen wie an diesem. Zwischen Hoffen und Bangen ist er hin- und hergeworfen, er fühlt sich alleingelassen und hadert mit seinen Jüngern, aber auch mit seinem Vater angesichts des nahen Endes. Jesus weiß, dass er seinem Schicksal nicht ausweichen kann und ist auch noch dem Spott ausgeliefert. Dieser Gott teilt mit uns Menschen tatsächlich auch die bittersten Momente. Erstaunt sagen wir mit Pilatus: »Ecce homo« (Seht, welch ein Mensch.)

Nachdem wir am Karsamstag das Warten und die Stille nach dem Tod auszuhalten hatten, feiern wir am Ostersonntag die Auferstehung Jesu. Im auferstandenen Gott drückt sich all unsere Hoffnung und der Glaube aus, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass Dunkelheiten überwunden werden können. Wenn wir mit Jesus durch die Kartage auf Ostern zugehen, dann lernen wir ihn in sämtlichen Regungen menschlichen Lebens kennen. Am Ende steht das Licht der Auferstehung, der Sieg des Lebens.

Nach Ostern begehen wir noch zwei Feste, die uns helfen können, die Person Jesus Christus zu erschließen. Nach vierzig Tagen ist Pfingsten, das Fest der Geistsendung und somit der Beginn der Glaubensverkündigung sowie der Gründung der Kirche. Weitere zehn Tage später, zu Fronleichnam, feiern wir mit Prozessionen die leibliche Gegenwart Jesu, wie sie uns im Brot und Wein der Eucharistie geschenkt ist. Es sind zwei Feste, die nach außen drängen, die die religiöse Selbstgenügsamkeit durchbrechen wollen, so wie Jesus sich nicht selbst genügt hat, sondern sein Leben in den Dienst der anderen gestellt hat.

Was die genannten Feste des Jahreskreises angeht, konnten hier nur unabgeschlossene Gedanken über Jesus, den Christus, ausformuliert werden. Vielleicht können sie dennoch als Einladung verstanden werden, sich an diesen Tagen immer neu mit ihm auf den Weg zu machen und neue Seiten von dem kennenzulernen, der uns begegnen und nahekommen möchte. Nicht nur an den Feiertagen.

Bild: © pixabay.com
Text: Raimund Stadlmann