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»Zu Neuem unterwegs«

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Aufbrechen – zusammenpacken und sich auf den Weg machen – ein entferntes Ziel ansteuern – seinen Ranzen schnüren, um das Bekannte hinter sich zu lassen. Was viele von uns im Sommer tun, kennen wir auch aus der Bibel bzw. von bekannten Menschen der Kirchengeschichte. Sie haben das aber nicht getan, um eine Urlaubsreise oder ein paar Tage Erholung anzugehen, sie waren von etwas ganz anderem geleitet. Wir wollen an ein paar ausgewählten Beispielen ihren Aufbrüchen und Wegen nachspüren.

Beginnen wir mit Abraham, den man wohl als »Urvater« des Sich-auf-den-Weg-Machens schlechthin bezeichnen kann, war doch sein Aufbruch in die unbekannte Ferne die Geburtsstunde von drei Weltreligionen: von Judentum, Christentum und Islam. Wir kennen seine Geschichte aus dem Buch Genesis: »Der Herr sprach zu Abram: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.« Die ganze Geschichte, die sich aus diesem Auftrag entspinnt, können wir hier nicht nachzeichnen. Wir wollen nur kurz auf den Beginn achten, denn laut Bibel macht sich Abraham mit seiner Frau Sarai und dem Neffen Lot auf den Weg von Haran nach Kanaan. Kein Zaudern, kein Zagen und kein Zweifeln sind im Alten Testament überliefert, wenn vom 75-Jährigen gefordert wird, die vertraute Heimat, den Schutz und die Gemeinschaft der Verwandtschaft sowie Ansehen und Status hinter sich zu lassen. Kann sich das tatsächlich so abgespielt haben? Als heutige Leser*innen haben wir natürlich Zweifel daran und wir nehmen an, dem alten Abraham ist das Loslassen und Weggehen schwergefallen. Hat er mit seiner Frau darüber geredet, diskutiert oder sogar gestritten? Wie hat sein Umfeld, die Sippe der Großfamilie das Vorhaben beurteilt?
Wie auch immer der Abschied gewesen sein mag, beeindruckend an dieser Geschichte ist eines: Abraham ist bereit, sein bekanntes und sicheres Leben aufzugeben und den Schritt zum Unbekannten zu wagen. Warum er das macht? Weil er ganz einfach von der Hoffnung beseelt ist, dass Gott ihn sicher führt und seine Verheißung wahrmacht. Sein Vertrauen wird belohnt, er erhält Land, Nachkommenschaft und einen großen Namen. Es ist der Start einer neuen Zukunft.

Unsere zweite Aufbruchserzählung handelt von einer mutigen Frau, der Moabiterin Rut, von der im gleichnamigen Buch erzählt wird. Das Thema Aufbrechen und Hinter-sich-Lassen begegnet uns in dieser Novelle gleich mehrmals. Ruts Mann stammt aus Betlehem, er hat mit der Familie im fernen und Israel feindlich gesinnten Moab Zuflucht in wirtschaftlich harten Zeiten gefunden. Doch die Männer der Familie sterben am Zufluchtsort. Rut und ihre Schwester sind nun mit der alten Schwiegermutter Noomi allein. Als Noomi nun nach Betlehem in eine ungewisse Zukunft zurückkehren möchte, gibt sie ihre verwitweten Schwiegertöchter frei, damit sie in ihre Herkunftsfamilie zurückkehren können, wo sie abgesichert wären. Doch von Rut lesen wir die schöne Antwort: »Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich.
Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.« (Rut 1,16) Erstaunlich wie berührend sind diese Sätze, weil Rut die Sicherheit ausschlägt und sich aus Treue zu Noomi für den Gang in die Fremde entscheidet. Auf sich allein gestellte Frauen, rechtlos und gefährdet in einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft. Doch Solidarität und Zuneigung sind stärker als die Angst vor einer anderen Kultur und einem fremden Glauben. Rut geht in die unsichere Zukunft, weil sie an die starke Beziehung der Frauen glaubt und Vertrauen in den Gott ihrer Schwiegermutter hat. Ihr wagemutiger Aufbruch wird belohnt. Ein Verwandter ihres verstorbenen Mannes nimmt sie zur Frau. Ihr gemeinsamer Sohn Obed wird der Großvater des großen Königs David werden und die heidnische Moabitern Rut bekommt dadurch einen Platz im Stammbaum Jesu. Nicht auszudenken, hätte diese Frau den Schritt des Aufbruchs nicht gewagt.

Nach dem alten Abraham, der mutigen Rut geht es jetzt um einen Propheten, der wegen seiner rebellischen Haltung vielleicht als jugendlicher Mensch gelesen werden kann: Jona. Von Gott bekommt er den Auftrag nach Ninive zu gehen, um das Strafgericht anzukünden. Und Jona bricht tatsächlich sofort auf. Aber nach Tarschisch.
Das ist die andere, die falsche Richtung. Was nun folgt ist eine klassische Lehrerzählung über jemanden, der davonläuft, den falschen Weg einschlägt und dabei Gefahr läuft, unterzugehen. In der dunklen Stunde der Einsamkeit – im Bauch des Fisches – erkennt und akzeptiert er seine Bestimmung. Und dennoch löst sich die Jona-Erzählung nicht in Wohlgefallen auf. Denn als Gott nachsichtig mit den Niniviten ist und von seinem Strafgericht absieht, grantelt Jona seinen Gott an: »Ach Herr, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war?« (Jona 4,1) Schon wieder also habe Gott nachgegeben und die Schlechten kommen davon. Wenn das Propheten-Buch mit Gottes Frage »Soll ich da nicht Mitleid haben…?« (4,11) endet, dann müssen auch wir Leser*innen mit Jona gemeinsam einen Aufbruch wagen. Wir können mit unseren überkommenen Vorstellungen von Strafe, Gericht und Gerechtigkeit zusammenpacken und müssen neue Wege des Mitleids und Verzeihens einschlagen.

Lediglich drei Geschichten vom Aufbrechen in Unbekanntes konnten wir hier kurz anschneiden. So viele mehr noch gäbe es in der Schrift, aber auch die gesamte Geschichte der Kirche hindurch (neu) zu entdecken.
Man denke etwa nur an den heiligen Benedikt, der mehrmals gezwungen war, einen neuen Weg zu beschreiten, ehe er die geeignete Regel für eine Mönchsgemeinschaft gefunden hatte. Oder Jeanne d’Arc …
Vielleicht kann dieser Artikel eine kleine Einladung sein, selbst zu diesen spannenden Geschichten aufzubrechen.

Text: Raimund Stadlmann
Bild: © AdobeStock_623229127