Über das Leben sprechen wir mit Kindern ganz selbstverständlich. Beim Tod fehlen uns dagegen oft die Worte. Dabei beschäftigen sich Kinder mit Sterben, Verlust und Trauer meist viel unbefangener, als Erwachsene vermuten. Wie offen sollten wir mit ihnen sprechen? Welche Antworten brauchen sie – und was hilft ihnen, wenn ein geliebter Mensch stirbt? Darüber haben wir mit Elke Kohl gesprochen. Als Kinder-, Jugend- und Familientrauerbegleiterin unterstützt sie seit vielen Jahren Menschen in Trauersituationen und weiß, was Kinder im Umgang mit Verlust, Tod und Trauer brauchen.
Kinder trauern anders als Erwachsene. Worin unterscheiden sich Kindertrauer und Erwachsenentrauer?
Wir sprechen vom »Pfützenspringen« in der Trauer der Kinder und das bedeutet, dass Kinder im Unterschied zu Erwachsenen sehr kurz und intensiv in die Trauer eintauchen und ebenso rasch wieder aussteigen können. Ähnlich dem Sprung in eine Wasserpfütze und im nächsten Moment wieder heraus, zurück in den Alltag. Wir Erwachsene können uns da durchaus etwas abschauen, denn es ist hilfreich, auch trauerfreie Zonen in der Trauer zu haben, so wie es bei den Kindern ganz natürlich passiert. Ihr Leben passiert im HIER und JETZT. Jetzt bin ich traurig, jetzt will ich spielen, jetzt hab ich Hunger, jetzt vermisse ich … .
Als Erwachsene möchten wir Kinder am liebsten vor allem Schmerz schützen. Was ist aber aus Sicht der Kinder ein sinnvoller und hilfreicher Zugang?
Ich halte es nicht für sinnvoll, Kinder vor allen Schmerzen, die durch Abschiede entstehen, zu beschützen, denn wie wir alle wissen, lernen wir durch Krisen und können nur so Selbstwirksamkeit erfahren, die wir brauchen, um auch später in schwierigen Lebenssituationen zurechtzukommen. Es geht also um eine ressourcenstärkende Begleitung.
Ich bin dafür, Kinder kindgerecht, einfühlsam und lösungsorientiert durch schwierige Situationen zu begleiten, auch wenn das bedeutet, dass hier auch traurige Emotionen mit ausgelebt werden.
Was raten Sie Familien im Umgang mit Kindern ganz konkret, wenn eine wichtige Bezugsperson stirbt: Wie spricht man mit Kindern über den Tod?
Die Wahrheit ist den Kindern zumutbar! Was Kinder sich zum Beispiel von uns Erwachsenen wünschen: Wahrheit, Klarheit und eine kindgerechte Sprache.
Außerdem ihren Alltag möglichst weiter aufrechtzuerhalten und sogar Mithilfemöglichkeiten. Erklären wir den Kindern nicht ehrlich, was los ist, spüren sie ja dennoch, dass etwas »nicht stimmt«. Die Folge von Nichtkommunikation ist, dass sie belastende Fantasien über das, was denn los sein könnte, entwickeln, überlegen, ob das ihre Schuld sein könnte, oder sie kämpfen mitunter mit großen Ängsten. Diese Tatsache sollte alle Erwachsenen stärken, ihren Kindern und Jugendlichen im Familiensystem die Wahrheit zuzumuten und kindgerecht mitzuteilen. Denn: Information gibt Sicherheit!
Können Kinder einen sterbenden Menschen im Krankenhaus oder Hospiz besuchen?
Meiner Meinung nach: Ja – mit der entsprechenden Vorbereitung und Begleitung! Aber kein Elternteil sollte sich dabei unsicher und unter Druck gesetzt fühlen. Es braucht einfühlsame Vorbereitung aller Familienmitglieder, egal wie alt sie sind. Wenn ich allerdings Familien begleite, dann versuche ich stets, dass Besuche bei Kranken oder die Teilnahme bei Verabschiedungen auch für die Kinder möglich werden.
Kinder brauchen im Verstehen und Begreifen von Krankheit, Tod und Abschied die Hilfe von uns Erwachsenen.
Das wird möglich durch deren Einbindung, damit Erfahrungen nicht nur durch Erzählungen, sondern mit allen Sinnen gemacht werden dürfen.
Können Kinder beim Begräbnis dabei sein?
Ja – auch hier mit der entsprechenden Vorbereitung und Begleitung. Ich denke, dass Abschiedsfeierlichkeiten Teil der Lebensgeschichte des Verstorbenen sowie Teil der Lebensgeschichte Hinterbliebener sind, an der alle teilhaben können sollen - bei Geburtstagen hinterfragen wir das ja auch nicht.
Wie kann man sie auf diese Situation vorbereiten?
Mit klaren Informationen über Abläufe und je nach Alter der Kinder auch durch aktive Einbindung in die Vorbereitungen. Beispielsweise helfen Informationen über alles, was sich abspielt, alle Kommenden, alles, was es zu sehen gibt. Gleichzeitig können vielleicht eigene Fürbitten vorbereitet oder Texte gelesen oder Lieder mit ausgesucht werden. Und wieder gilt: Information gibt Sicherheit.
Und sowohl bei Krankenbesuchen als auch bei Verabschiedungen ist es hilfreich für die Familie, wenn eine erwachsene Person, die emotional mit der verstorbenen Person nicht so verbunden ist, dem Kind als Begleitung zur Verfügung steht.
Was brauchen Kinder in der Zeit der Trauer besonders? Wie können Erwachsene sie gut begleiten?
Kinder brauchen Erwachsene, um Tod und Trauer zu begreifen und mit dem Trauerprozess zurechtzukommen. Besonders hilfreich erleben Kinder gemeinsame Rituale, gemeinsames Erinnern, gemeinsame Grabpflege etc., aber natürlich auch Trost und Sicherheit durch das Leben ihres kindlichen Alltags. Niemand muss seine Emotionen vor Kindern verstecken. Ganz im Gegenteil, Kinder brauchen auch Trauervorbilder.
Viele Kinder erleben es als sehr wertvoll und hilfreich, wenn sie eine Kindertrauergruppe besuchen können.
Woran können Eltern oder andere Bezugspersonen erkennen, dass ein Kind zusätzliche Unterstützung braucht?
Ich denke, dass Kinder, die erleben, dass ein Elternteil oder Geschwisterkind stirbt, immer das Angebot einer Kindertrauerbegleitung bekommen sollten. Abhängig vom Umgang in der Familie kann diese nur sehr punktuell oder auch längerfristig stattfinden. So ein Tod ist ein biographisches Ereignis, das mit ins Leben geht und im eigenen Heranwachsen immer wieder zu neuer Auseinandersetzung führt. Durch die Unterstützung von außen werden Eltern entlastet und Kinder zusätzlich gestärkt.
Kinderbücher sind oftmals eine große Unterstützung, wenn selbst die Worte fehlen. Haben Sie spezielle Empfehlungen für unsere Leser*innen?
Ja, meine absoluten Empfehlungen wären:
Für Kinder ab 3
Weitze M., Battut E., 2018
Wie der kleine rosa Elefant einmal sehr traurig war und wie es ihm wieder gut ging
Koppens J., 2014
Fisch schwimmt nicht mehr
Bartenstein S., Peter A., 2025
Das Wimmelbuch vom Abschied nehmen
Für Kinder ab 5
Heine H., 2016
Leni und die Trauerpfützen
Schroeter-Rupieper M., 2020
Geht Sterben wieder vorbei?
Für Kinder ab 8
Wrede E., Völker E.C., 2025
Wenn wir ins Gras beißen
Bosse A., 2016
Weil du mir so fehlst
Für Kinder ab 12 und Jugendliche
Bosse A., 2018
Einfach so weg
Farm M., 2014
Wie lange dauert Traurigsein?
Mennen P., 2019
Abschied, Tod und Trauer,
Sachbuchreiche Wieso-Weshalb-Warum, Bd. 42
Alle Informationen zu möglichen Begleitungsangeboten von Elke Kohl finden Sie unter www.kindertrauer-undmehr.at. Zusätzlich gilt die Einladung zum TrauerCafé des Hospizteams Melk, begleitet von erfahrenen Trauerbegleiter*innen im Pfarrhof Melk. (alle Termine unter www.hospiz-melk.at/angebote)
das Interview führte: Lisa Funiak
Bild: ©uschiwolf