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»Dem Abschied Raum geben«

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Manchmal tritt der Tod brutal in unser Leben: Ein uns nahestehender Mensch stirbt plötzlich, eine schwere Diagnose stellt alles infrage. Manchmal streift der Tod uns leise – in einem nachdenklichen Augenblick.
Immer erinnert er uns: Das Leben ist zerbrechlich und gerade deshalb kostbar. Kein Tag und kein Mensch an unserer Seite ist selbstverständlich. Wenn ein Mensch stirbt, gerät die Zeit aus ihrem Takt.
Auch ein absehbarer Tod trifft uns dann oft unvorbereitet. Rituale, die wir dann setzen, nehmen den Schmerz nicht weg. Aber sie können dem Unfassbaren eine Form und uns, »die wir zurückbleiben«, Halt geben.

Da sein ist wichtiger, als alles richtig zu machen
Angehörige fühlen sich am Sterbebett oft hilflos und fürchten, etwas falsch zu machen. Doch es gibt keine perfekte Anleitung. Das Wichtigste ist: Zeit schenken, da sein und auf die Signale des sterbenden Menschen achten. Was hat ihm im Leben gutgetan – vertraute Musik, ein Gebet, die Berührung einer Hand?
Was gestern wohltuend war, kann heute schon zu viel sein. Viele Sterbende ziehen sich zurück. Deshalb gilt: anbieten, nicht aufdrängen; leise sprechen und eine zurückgezogene Hand respektieren. Essen und Trinken verlieren meist an Bedeutung; das Befeuchten der Lippen kann wohltuender sein. Schmerzen, Atemnot oder starke Unruhe gehören mit den begleitenden Ärzten oder Pflegefachkräften besprochen. 
Sprechen wir mit dem sterbenden Menschen, nicht über ihn. Auch ohne sichtbare Reaktion können vertraute Worte noch erreichen: »Danke.« – »Es tut mir leid.« – »Ich habe dich lieb.« – »Du darfst gehen.« Wo solche Worte ehrlich möglich sind, können sie kostbar werden.

Kraft für den letzten Weg
Auch spirituelle Wünsche verdienen Aufmerksamkeit:
Wird ein Segen, ein Gebet oder die Krankensalbung gewünscht? Viele verbinden diese noch mit der »Letzten Ölung« und rufen den Priester sehr spät. Dabei ist die Krankensalbung ein Sakrament der Stärkung und des Lebens, es ist das Sakrament der Zärtlichkeit und Zuwendung Gottes. Sie kann bei schwerer Krankheit, vor einer Operation, in schwierigen Lebenssituationen gefeiert und wiederholt werden. Stirn und Hände werden gesalbt; der kranke Mensch wird Gottes heilender, liebevoller Nähe anvertraut. Wenn es möglich ist, kann ein sterbender Mensch die Kommunion als »Wegzehrung« empfangen. Ist das nicht mehr möglich, bleibt ein Segensgebet am Bett sinnvoll. Gottes Nähe hängt nicht an unserer Wachheit. Ein Vaterunser, ein Kreuzzeichen oder ein vertrautes Lied können tragen, selbst wenn keine Antwort mehr kommt. Auch Begleitende müssen auf ihre Kräfte achten. Essen, trinken, eine Pause machen oder jemand anderen ans Bett bitten ist kein Im-Stich-Lassen. Manche Sterbende können gerade erst im Alleinsein loslassen. Wer beim letzten Atemzug nicht anwesend war, muss sich keine Vorwürfe machen. Entscheidend ist nicht dieser Moment vom Leben zum Tod, sondern die Verbundenheit eines ganzen Lebens.

Nach dem letzten Atemzug
Die Zeit vom Tod bis zum Begräbnis ist eine Zeit des Übergangs. Trotz allem, was zu organisieren ist, darf zunächst Stille sein: am Bett sitzen bleiben, die Hand halten, weinen, Erinnerungen aussprechen oder eine Kerze entzünden. Manche legen ein Kreuz, einen Rosenkranz oder Blumen ans Bett. Andere beten: »Gott, nimm ihn/sie auf in deinen Frieden. Danke für sein/ihr Leben. Bleibe bei uns.« Nicht ein »richtig« vollzogener Brauch ist entscheidend. Der Abschied darf und soll vor allem dem Verstorbenen und den Angehörigen entsprechen.

Eine »Verabschiedung« oder »Aussegnung« kann zu Hause, im Krankenhaus, Pflegeheim oder Hospiz stattfinden. Der Name des verstorbenen Menschen wird ausgesprochen, für das Leben gedankt und Gottes Liebe im Gebet anvertraut: Wir lassen den verstorbenen Menschen los, ohne ihn aus unserer Liebe fallen zu lassen oder zu verlieren. Auch Kinder und Jugendliche sollen nicht ausgeschlossen werden. Sie brauchen ehrliche, altersgemäße Worte und dürfen ohne Druck entscheiden, ob sie ans Sterbebett kommen möchten. Ein selbstgemaltes Bild, ein Brief oder eine Blume können beim Abschied helfen.

Zeichen, die von Hoffnung erzählen
Beim Totengebet, früher als »Nachtwache« bezeichnet, beim Requiem und Begräbnis wird die Trauer und der Schmerz des Loslassen-Müssens vor Gott und in der Gemeinschaft der Versammelten zum Ausdruck gebracht. Niemand muss die »richtigen Worte« finden. Andere beten und singen mit, wenn die eigene Stimme fehlt. Die versammelte Gemeinschaft macht den engsten Angehörigen sichtbar: Ihr seid nicht allein.

Auch die Zeichen am Grab sprechen. Mit dem Sarg geben wir aus der Hand, was wir nicht festhalten können, den sterblichen Leib bzw. die Asche des Menschen.
Das Weihwasser erinnert an die Taufe: Dieser Mensch gehört zu Christus. Die Erde verbindet uns mit Gottes Schöpfung. »Wir betten den vergänglichen Leib des Menschen in der Erde.« Das Kreuz verbindet Himmel und Erde und bezeugt: Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern der Gott des Lebens. Ein christliches Begräbnis ist mehr als ein Rückblick. Es erzählt von einem unverwechselbaren, einzigartigen Leben eines konkreten Menschen und spricht zugleich eine Zukunft zu: Gott kennt diesen Menschen ganz – mit allem Gelungenen und Unvollendeten – und vollendet ihn in seiner Liebe und Geborgenheit.

Das Leben nicht auf später verschieben
Mit dem Begräbnis ist der Abschied nicht abgeschlossen. Der leere Platz am Tisch, die Telefonnummer, die man beinahe noch wählt: Trauer braucht Zeit, Menschen und Orte. Ein Licht, ein Grabbesuch, gemeinsames Erzählen und Beten können guttun. Namentlich für die Verstorbenen im Sonntagsgottesdienst zu beten, z.B. am Jahrestag des Todes (»Sterbtag«), das Gedenken an unsere Verstorbenen an Allerheiligen und Allerseelen mit dem bewussten Friedhofsgang in Gemeinschaft halten die Erinnerung wach und lebendig. »Tot sind nur die, die vergessen werden.«

Unser christlicher Glaube macht keinen Verlust ungeschehen. Er vertraut auf den lebendigen Gott, der auch dort ist, wo der Tod ist, und ihm eine Grenze setzt. Zuletzt steht Gott, der liebt, heilt und vollendet.
Der Tod fragt uns Lebende: Was wollen wir nicht länger aufschieben? Welches versöhnliche Wort ist noch zu sagen, wem möchten wir danken? Rituale helfen, Verstorbene aus der Hand zu geben. Zugleich erinnern sie uns daran, das heute geschenkte Leben bewusst in die Hand zu nehmen. Denn wir leben – jetzt.

Text: P. Lukas 
Bild: © Karin_Glechner_pfarrbriefservice.de