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Mensch, wo bist du?

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  • 2019-03-06T14:00:00+01:00

Misereor Hungertuch 2019|20

»Mensch, wo bist du?« – so lautet der Titel des neuen Hungertuches von MISEREOR, eines abstraktes Werkes
des deutschen Künstlers und Bildhauers Uwe Appold, das uns dieses Jahr in den Kirchen unseres
Pfarrverbandes in der Fastenzeit begleiten wird. Es lädt uns ein zu schauen, zu meditieren, zu hören und
Stellung zu beziehen. Zu schauen, welche Materialien und Farben, Elemente und Symbole vom Künstler
verwendet wurden. Dieses Fastentuch stellt in seiner Offenheit für unterschiedliche Deutungen eine »Zumutung« dar – positiv ausgedrückt: eine Herausforderung.
Können unterschiedlichste Menschen einen Zugang finden? Welche Zugänge? Welche Antworten
geben sie auf die Frage: Mensch, wo bist du? In einem Gespräch über das Hungertuch sagte Uwe Appold:
»Ich wünsche mir, dass die Menschen meinen Arbeiten mit ihrer persönlichen Lebenserfahrung begegnen
und ihre eigenen Geschichten einbringen in das, was ich gemalt habe.«

Ein Kunstwerk ist mehr als ein Produkt; es lebt durch die Rezeption, das Hinschauen und Hinhören, Reflektieren
und Sichpositionieren. Wir sind in diesen Wochen vor Ostern besonders eingeladen, uns auf
die Spur dieses Tuches zu machen, beim Betrachten die Symbole und Zeichen zu uns sprechen zu lassen.
Daher einige Impulse zur Annäherung:

Geprägt ist das Tuch von einem tiefen, kräftigen Blau,
das uns sogleich an lebensspendendes Wasser oder an die Weiten des Himmels denken lässt. Natürlich
kommt uns auch Maria in den Sinn, die immer mit dieser Farbe dargestellt wird. Wie eine Landzunge im
Meer sehen wir in der Mitte Erde, diese Erde stammt aus dem Garten Gethsemane in Jerusalem, dem Garten,
in dem Jesus verhaftet worden ist. Sie ist nicht minder ein Lebenssymbol und zweifelsohne eine
Anspielung auf den „Erdling“ Adam der Schöpfungsgeschichte.
Der Erdboden (hebr: adamah) ist Grundlage zukünftigen Lebens, er lässt Neues wachsen
und Saaten aufgehen, besteht aber auch aus dem Vergangenen, das bereits wieder zu Staub geworden
ist, denn alles, was stirbt, wird wieder Teil der Erde. In unserem Bild könnte die Erde aber auch das sichere
Land inmitten stürmischer See sein, das den Wogen und Wellen der unruhigen Fluten trotzt. Nun
fallen uns auch die Felsbrocken, die Steine auf, die der Künstler über die Erde seines Werkes verteilt hat.
Zwölf an der Zahl, unterschiedlich in Größe, Aussehen und Ausrichtung. Wie könnten wir da nicht an
die zwölf Stämme Israels, die Apostel oder auch die Monate des Jahres denken. Alle leuchten und glänzen
sie auf ihre je eigene Art und doch sind sie eine Gemeinschaft, weil sie sich am Zentrum orientieren.
Hier ruht ein großer, goldener Ring. Er ist das bestimmende, ruhige Motiv inmitten der Szenerie. Mächtig
und stark, als könne ihm nichts etwas anhaben. Die goldene Farbe und die Unendlichkeit des Ringes
können wir mit Gott gleichsetzen, mit Anfang und Ende unseres Glaubens. Wie ein schützender Wall
umgibt dieser Ring ein Haus. Ist es unser Haus, die Kirche als gemeinsame Wohnstätte aller Gläubigen,
die von Gottes Herrlichkeit fürsorglich umsorgt und beschützt steht? Wieso ist eine Seite offen? Ist das
Haus noch nicht fertig und wir müssen weiter daran bauen? Oder öffnet sich die Mauer, um Neues und
Fremdes aufnehmen zu können?

Fast schon unscheinbar entdecken wir am linken Rand des Bildes ein rotes Kreuz. Das Rot – es steht
symbolisch für die Liebe und das Leiden. Gleichzeitig ist es die Farbe des Heiligen Geistes. Daneben hat der
Künstler ins Blau fast geheimnisvolle Schriftzeichen gesetzt. Der griechische Anfangsbuchstabe für Jesus
Christus ist zu erkennen. Das Unendlichkeitszeichen ist zur 8 aufgestellt: Hat Gott uns als aufgerichtete,
aufrechte Menschen erschaffen, die Verantwortung übernehmen müssen?

Vielleicht fällt erst jetzt unser Blick auf das Motiv am rechten, unteren Rand? Es ist eine rot-blaue Figur -
der Mitte zugeneigt. Können wir ausgebreitete Arme erkennen? Ist das ein Mensch, der sich zu Gott hin
öffnet, um sein Wort aufzunehmen und weiterzugeben?
Bin das ich selbst?

Wir sollen uns dem Anruf Gottes stellen: Mensch, wo bist du? Was tust du? Was zerstörst du und was
fügst du zusammen? Was hast du geschaffen oder versäumt? Welche Aufgabe erkennst du für dich? Wo
stellst oder entziehst du dich deiner Verantwortung für die Schöpfung und die Mitwelt?

Mensch, wo bist du? Die Frage des Kunstwerkes trifft uns also ganz persönlich. Vielleicht gelingt es uns im
gemeinsamen Hinhören, Hinschauen, im Miteinander des Gebetes und der Feier, sich der Antwort zu nähern.

»Wer die Frage 'Mensch, wo bist du?' 
ernst nimmt, wird zugleich in sich 
selbst hineinhören. Was mache ich
gegen die Zerstörung der Schöpfung, 
die Ungerechtigkeit und die soziale 
Not? Wo stehe ich in diesem einen, 
gemeinsamen Haus?«
Uwe Appold

Quelle - Bild Hungertuch: www.eine-welt-mgv.de | hungertuch 19