Folgen Sie uns!

»Im Angesicht des Todes«

Sie sind hier:

Für gewöhnlich begegnen uns biblische Texte immer nur in Form von kurzen Auszügen. Im Gottesdienst Sonntag für Sonntag hören wir ausgewählte und oft gekürzte Passagen in den Lesungen oder dem Evangelium.
In manchen Gebeten sind einzelne Zitate verwoben, in der (viel zu seltenen) persönlichen Lektüre begnügen wir uns meist mit dem einen oder anderen Kapitel. Liest man aber einmal ein ganzes biblisches Buch am Stück oder taucht man über einen längeren Zeitraum in die Bibel ein, dann kann einem meiner Ansicht nach noch besser als sonst auffallen, wie reich an Themen diese Texte sind. Die Bandbreite ist riesig, kaum eine menschliche Erfahrung bleibt ausgespart.

So ist es auch mit »Tod und Sterben«. Die biblischen Texte verschließen ihre Augen nicht davor und besprechen dieses Thema auf die unterschiedlichste Weise und mit einer Fülle an sprachlichen Bildern. Wir lesen vom viel zu frühen Tod, aber auch vom Sterben im hohen Alter, von Krankheit und Hunger. Wir erfahren von Mord und listiger Tötung, von Krieg und Gemetzel… in nahezu unerträglichem Ausmaß etwa im Buch Josua in den Texten der Landnahme Israels. Nichts wird verdrängt und als Lesende werden wir dessen gewahr, wie präsent Tod und Sterben im Leben der Menschen zu biblischen Zeiten waren. Die Bibel beschönigt und vertröstet nicht. Sie ist da radikal ehrlich mit uns.

Ich möchte an dieser Stelle zwei Texte kurz ansprechen, die ich persönlich gerne mag und die eventuell auch gut bekannt sind. Wir können diese (willkürliche) Auswahl auch exemplarisch für den biblischen Umgang mit dem Tod lesen: Es sind der Psalm 88 und der Lobgesang des Simeon (Lk 2,29-32), der als Nunc dimittis das Nachtgebet der Kirche ist.

Der Psalm 88 ist ein klassischer Klagepsalm. Der/Die Betende ruft im Angesicht des Todes zu Gott und bittet um Rettung. »Mit Leid ist meine Seele gesättigt, mein Leben berührt die Totenwelt. Schon zähle ich zu denen, die hinabsteigen in die Grube, bin wie ein Mensch, in dem keine Kraft mehr ist. Ausgestoßen unter den Toten, wie Erschlagene, die im Grab liegen, derer du nicht mehr gedenkst.« (V. 4-6)

Wir erfahren nicht die genauen Umstände, wissen aber, hier spricht jemand aus tiefster Verzweiflung.
Was droht, ist der Verlust aller Lebendigkeit, denn die Totenwelt war nach damaliger Vorstellung der dunkle Ort des Nichts, wo man von Gott und den Mitmenschen vergessen ist. Mit der Totenwelt, der sheol, war tatsächlich alles aus. Die Überwindung des Todes und Bilder der Auferstehung begegnen uns nämlich erst in jüngeren Texten des Alten Testaments. Wer selbst die dunklen Stunden des Lebens schon kennengelernt hat, um Krankheit, Verzweiflung und Sorge angesichts der Todesnähe weiß, der kann sich wohl mit diesen Worten des/der Betenden identifizieren. Es sind Perspektivenlosigkeit und pure Verzweiflung, die aus dem Psalm sprechen. Und es ist vor allem die Einsamkeit, die regelrecht aus den Versen herausschreit. (»Entfernt hast du von mir meine Vertrauten«, V. 9). Hier erinnert das Psalm-Ich auch an Hiob, der ebenfalls Freunde und Verwandte verloren hat und mit seinem Leid alleine geblieben ist. Für mich ist es eine bedrückende Ehrlichkeit, die der Psalm an dieser Stelle an den Tag legt, denn so sehr wir Menschen auch immer in Beziehungen eingebettet sind, in der Not erfahren wir uns immer auch einsam und alleine.
Oder wie Reinhard Mey singt: »Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein: Die Kreuzwege des Lebens geh‘n wir immer ganz allein.« (»Allein«, R. Mey) Vielleicht hat er Recht. Der Psalm 88 gibt keine Antwort darauf, denn er bricht mit der Verzweiflung angesichts des Todes ab: » … mein Vertrauter ist nur mehr die Finsternis.« Was bleibt, ist der stumme Schrei, die wortlose Pause und die ohrenbetäubende Stille, die darauf wartet, dass »Gott sich doch endlich als Gott zeigt« (Johann Baptist Metz) und lebensspendende Rettung bringt. Mit dem/der Betenden teilen wir diese Hoffnung und das Vertrauen, doch wir wissen auch, Leben ist oft unvollendet und hat nicht immer ein Happy End.

Wie anders klingen da die Worte des greisen Simeon, der nach langem Leben im Tempel von Jerusalem dem Kind Jesus begegnet und in ihm den ersehnten Messias erkennt, der ihm und dem Volk Israel Rettung und Heil bringen werde. »Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen …« (Lk 2,29-30).

Es sind die Worte von einem, der alles erledigt hat, der zufrieden und glücklich abschließen kann, dessen Leben keinen Ausstand mehr kennt. Der alte Mann blickt nicht dem ungerecht verfrühten Tod vom Psalm 88 entgegen, sondern ihm ist das erhoffte gute Ende geschenkt. Er fürchtet nicht das völlige Ende, die Dunkelheit des Totenreiches und den Abbruch aller Beziehungen. Vertrauensvoll und ohne Hader legt er sein Leben in Gottes Hände. Simeon weiß, Gott wird ihn ins Licht der Auferstehung führen. Der Tod hat keinen Schrecken mehr, das Ende ist gut, der Abschied geradezu freundlich. Alles ist gesagt.

Nach einem erfüllten Leben in Frieden sterben können und der ungerechte, verfrühte Tod. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen, wie sie uns im Psalm 88 und im Nunc dimittis begegnen, können wir vielleicht tatsächlich unser Hoffen und Bangen im Umgang mit dem Tod verorten. Die meisten von uns werden wohl in der Familie, unter Freund*innen und Bekannten all das tatsächlich schon erfahren haben oder gerade miterleben: Der eine geht gemeinerweise viel zu früh, die andere nach einem vollen Leben … und das ist nur bedingt eine Frage des Alters. Die Bibel weiß um diese Spannung, sie begleitet uns mit ihren Texten mitten im Leben, auch wenn es um den Tod geht.

Text: Raimund Stadlmann
Bild: © AdobeStock_129730409